Bartenders Schubladendenken. Drei Nicht-Lieblingsgäste mal näher betrachtet

Bargast1eigentlich mögen wir das nicht. wenn man uns in schubladen einteilt. das ist so reduziert. so eng.

aber hand aufs herz: was wir alle eigentlich ganz gerne machen, ist, andere in schubladen einzuteilen.

warum? weil es das leben eben einfacher macht. die welt ist kompliziert genug. da braucht es manchmal methoden, um sich besser zurechtzufinden. wie zum beispiel das klassische schubladen-denken.

die meisten von uns machen das still. heimlich. nur für sich. damit sie in ihrem kopf, ganz allein für sich, besser klarkommen mit all den interaktionen und facetten ihres umfeldes. natürlich spricht man da nicht darüber. nein. pfui teufel, schubladendenken. geht ja gar nicht.

wir bartender allerdings, wir stehen dazu. wir teilen gerne in schubladen ein. besonders unsere gäste abends an der bar. das macht auch für uns die welt etwas einfacher. aber das ist nicht der einzige grund:

wie sich der geneigte leser vorstellen kann, ist nicht jeder gast ein lieblingsgast. nicht jeder gast der bar ist höflich, freundlich, rücksichtsvoll, gut erzogen und wohlriechend. in der tat sind manche gäste eher unangenehm. aufdringlich. unhöflich. besserwisserisch. ungehobelt. distanzlos… uns fallen viele schlechte eigenschaften ein. aber wir dürfen uns diese gedanken nicht anmerken lassen. wir bartender geben jedem gast das gefühl, dass genau ER unser lieblingsgast an diesem abend ist.

Und damit wir besser damit klarkommen, wenn so ein wunderbarer nicht-lieblingsgast uns den abend versüßt, haben wir ein werkzeug gefunden. ein ventil. einen boxsack der gedanken: wir teilen unsere nicht-lieblingsgäste in schubladen ein. so wie hier:

 

1. DER DORFDISCO-HELD

er betritt den raum. laut. sprücheklopfend, vornehmlich in breit fränkischem akzent. die ländliche entourage folgt ihm, zurechtgebrezelt für den abend in der großstadt. „Horch amol, Master, a Jackie-Cola, ober an g’schaidn!“ wirft er vermeitlich lässig über den tresen, noch bevor irgendjemand platz genommen hat.

nein, diese sorte gast ist noch nicht ausgestorben. es gibt sie noch immer. tatsächlich, sogar authentisch mit vokuhila und cowboyboots. anfangs sind sie unangenehm. doch wenn man es schafft, sich ihrem tonfall etwas anzugleichen, entsteht recht schnell eine art kumpanei über den tresen hinweg, und kann in wahren liebeserklärungen gipfeln: „Ey, Master, Du bist Echt a feiner Kerl“. drinktechnisch bewegen sie sich allerdings keinen millimeter von dem ihnen wohlbekannten jackie-cola weg. höchstens ein weißbier, zum runterspülen. hier jedoch ein verbindliches Kopfschütteln des Barkeepers.

„WOOOOS, IHR HABT KAA WAIZN??“ Stress ist vorprogrammiert. aggression liegt in der luft. und unser vokuhila ist dorfdisco-prügelerprobt. in der tat, wir führen kein weizenbier.

jetzt schnell das richtige substitut herbeigezaubert. die rettung: jägermeister. geht immer. und schmeckt auch dem dorfdisco-helden. die stimmung entspannt sich merklich. doch man macht sich dann doch recht schnell wieder aufbruchbereit, in ein anderes lokal, welches wenigstens „A WAIZN“ ausschenkt.

wir werden bei ihm im gedächntis bleiben, lange. als die bar, die kein weißbier führt. er wird es weitererzählen. beim stammtisch. beim kegeln. im fussballverein.

und er wird wiederkommen. wir befürchten es. wir wissen es. und dann beginnt das spiel von neuem.

 

2. DER STADTAFFE

gel im haar. trendbewusst. dynamisch. erfolgreich. gut gekleidet. niemals allein unterwegs, immer mit gefolge. in der letzten ausgabe der GQ hat er davon gelesen – man trinkt jetzt klassische cocktails. stadtaffen trinken aber nicht irgendeinen cocktail. sondern DEN cocktail. wie im film. also martini. „gerührt, nicht geschüttelt“ sagt er noch dazu, und hält es tatsächlich für ziemlich lässig. und warum zwinkert er dabei eigentlich? ist das ein tick? oder wollte er uns irgendwas damit sagen, eine geheime botschaft? der stadtaffe ist angesichts der martini-schale schockiert: „aber doch nicht in so einem schwulen glas!“ empört er sich. wir überhören das. obwohl es schwierig ist, denn stadtaffen sind generell immer etwas zu laut. beim lachen den kopf in den nacken werfen. klassisches balzgehabe, wunderbar zu beobachten.

doch wir sind erstaunt, und müssen uns eines besseren belehren lassen. der stadtaffe wirkt magnetisch auf die damenwelt. oder ist es der ungewollt-gewollt abgelegte schlüssel des blech gewordenen symbols seines status, im halteverbot vor der türe geparkt? der tresen ist plötzlich seine bühne geworden, und wir sind nur statisten. das gefolge umlagert ihn, und er ist der mittelpunkt.

bis – ja bis er statt des martinis tatsächlich lieber einen martini bianco bestellt, der sei „nicht so stark“. und bitte nicht wieder in „so einem schwulen glas“. zwinkern. [wieso eigentlich immer dieses zwinkern?]

vorbei, der kurze glanz des stadtaffen. vollkommene offenbarung. die maske ist runter, der zauber verflogen. instinktiv erfolgsorientiert, spürt der stadtaffe, wie ihm die felle davonschwimmen. die damenwelt wendet sich wieder den bartendern ihres vertrauens zu. und so zieht er weiter, der stadtaffe, mit den viptickets für die cluberöffnung um die ecke winkend.

 

3. DER URLAUBS-BESSERWISSER

braungebrannt. mittleren alters und geringen selbstwertes. 2 wochen brasilien waren es. und jetzt tritt er ihn an, den feldzug durch die cocktailbars der region. all diesen ahnungslosen barkeepern mal erklären, wie man eine caipirinha WIRKLICH macht. oder gar eine batida.

aber der urlaubs-besserwisser ist listig. er schleicht sich zunächst mal an sein barkeeper-opfer heran. spielt den ahnungslosen. bestellt eine caipirinha. um dann zu probieren. den kopf zu schütteln. verächtlich zu schnauben. hörbar. nochmal schnauben. wild umzurühren. seiner begleitung zu erklären, dies sei auf keinen fall eine original caipirinha.

wir können das nicht ignorieren, und so machen einen fehler. wir fragen nach. ob etwas nicht stimme mit dem drink.

etwas triumphierendes liegt in seinem blick, während der urlaubs-besserwisser luft holt, und zum ganz großen rundumschlag ausholt. er hat sich vorbereitet. er beginnt, über brasilianischen cachaca zu referieren. über reinen zuckerrohrzucker. unterbrochen von kopfschüttelndem umrühren seiner caipirinha. wir hätten ja keine ahnung. das wäre ja alles ganz anders. er doziert über eiswürfel und gestossenes eis. keine chance, ihm zu entkommen. weiter gehen die ausführungen über brasilianische limetten. wir hätten ja WIKRLICH keine ahnung.

wir haben schon ein paar caipirinhas gemacht. vermutlich weit über 50.000 stück. wir werden augenblicklich ein bisschen müde. was tun? sich rechtfertigen? erklären? entschuldigen? ein bisschen hat er ja recht, der urlaubs-besserwisser. tatsächlich wird ein caipi in mitteleuropa anders gemacht. er wurde nach seiner migration vorbildlich integriert, wenn nicht gar assimiliert. ein paradestück der globalisierten welt. aber die authentizität blieb dabei ein wenig auf der strecke.

so nicken wir nur. schlucken unseren stolz herunter. fragen nach, wie er seinen caipi denn am liebsten hätte. und machen ihm eine brasilianische version.

„geht doch, warum nicht gleich“, sagt der besserwisser.

er wird nicht unser bester freund werden. aber er wird auch nicht so bald wieder kommen, denn es gibt noch jede menge anderer ahnungsloser barkeeper zu missionieren. bis er dann beim nächsten urlaub nach jamaika fliegt.

 

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nächste woche stellen wir euch drei weitere nicht-lieblingsgäste vor.

 

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