Bartenders Schubladendenken. Teil II.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs ist wieder einer dieser Tage. Etwas spät dran mit Allem. Hektische Vorbereitung für den Abend. Und der Obst-Lieferant kommt und kommt nicht. Ok – es war vielleicht etwas später als sonst gestern Nacht, und der dritte Gin Tonic war wirklich extrem gut – also heisst es am nächsten Tag halt etwas schneller arbeiten, um fertig zu werden. Zwei doppelte Espresso helfen. los gehts.

Draussen dämmert es bereits. Die Gestalten der Nacht brezeln sich zuhause vor Ihren Spiegeln auf für den Abend. Glänzen und Scheinen. Wie jedes Wochenende. Alles geht seinen Rhytmus, der Abend hat seinen Takt. Und wir kennen Ihn, wir leben ihn. Wir sind Teil von ihm. Wir sind Barkeeper. Wir sind die Alchemisten der Nacht.

 

Doch plötzlich springt die Eingangstüre auf. Zu früh, wir haben noch nicht geöffnet. Unverschlossen war sie, da der Obstlieferant noch immer auf sich warten lässt. Und herein kommt ER. Einer unserer NICHT-Lieblingsgäste:

Der Zu-früh-Kommer.

Nein nicht in diesem Sinne. Sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Er kommt zu früh.

Forsch betritt er den Raum. Alle noch hochgestellten Stühle ignorierend. Läuft ein paar Meter, suchend um sich blickend. Dann bleibt er stehen. Verwirrt schaut er auf – wie jemand, der gerade auf dem Schlaf gerissen wird. Blick links, Blick rechts, man sieht es förmlich in seinem Gehirn arbeiten. Dann entdeckt er uns hinter der Bar. Wir, die ihn freundlich-erstaunt-erwartungsvoll anblicken, innehaltend bei unseren Vorbereitungsarbeiten. Ist er der neue Obstlieferant? Ist es ein verkaterter Ich-hab-gestern- hier-meine-Brille-vergessen-Mensch? Sucht er einen Job? Welchen Grund kann er haben, uns vor der Öffnungszeit aufzusuchen?

Sein Gesicht erhellt sich. Er nickt zufrieden, holt Luft und stellt in die Runde der hochgestellten Barhocker fest: „Ahhh, Ihr habt schon auf!“ Um kurz darauf, noch immer stehend, in unsere perplexen Gesichter hinterherzusetzen: „Ich nehm dann mal nen Caipi. Wie lange habt Ihr Happy Hour?“ Er macht einige weitere Schritte. „Warum stehen denn bei Euch die Stühle noch oben?“ Während er diese Frage in den stillen Raum stellt, dämmert es ihm. Langsam steigt die Erkenntnis in ihm auf, dass wir noch nicht geöffnet haben. „Achso, Ihr habt noch gar nicht offen, naja, macht nichts, ich setz mich mal hierher.“ Spricht es, und nimmt sich einen der Barhocker von der Bar, um es sich darauf bequem zu machen.

Langsam finden wir unsere Sprache wieder: „Verzeihung, mein Herr, wir haben noch nicht geöffnet“, mit etwas mühsamer Freundlichkeit.

„Ich weiß“, nickt der Zu-früh-Kommer,“ich weiß, macht ja nichts. Ich warte hier einfach.“ Etwas umständlich schält er sich aus sein em Mantel, nestelt unter dem Bartresen herum, bis er dort einen Garderobenhaken findet. Und anschließend verschmilzt sein etwas beleibter Körper mit dem Barbrett, die Arme auf dem Tresen verschränkt, das Handy vor sich. ‚Mich bringt hier niemand weg‘ scheint er zu sagen.

Hinter der Bar sieht man sich gegenseitig an. Resignierend seufzend. Ein stilles „Schnick-schanck-schnuck“ – wer kümmert sich um den geschätzten  Zu-früh-Kommer?

Luftholen, ein ernstes Lächeln aufsetzen, die Stimme mit verbindlicher Bestimmtheit versehen: „Verzeihung. Wir machen erst in 40 Minuten auf. Es tut mir sehr leid, aber Sie müssten bitte später wiederkommen. Vielen Dank.“

Jovial lachend winkt der frühe Gast ab: „Nein, nein, ist schon gut, mir macht das nichts! Einfach einen Caipi, bitte!“

Es stellt sich uns die Wahl der Qual: Können wir, die detailversessenen Alchemisten, all unsere Grundprinzipien sorgfältiger Vorbereitungen über den Haufen werfen, und einen Fremdkörper in unserem wohlgeordneten Chaos der Mise-en-Place der Bar dulden, versuchen ihn zu ignorieren? Oder müssen wir deutlich, bestimmt, gar unfreundlich werden, und damit vielleicht einen Gast möglicherweise beleidigt auf Lebenszeit auf die Straße schicken?

Zweite Eskalationsstufe eines Bartenders. Gerade aufrichten. Luft holen. Ein seeehr ernstes Gesicht machen. Die Daumen unter die Hosenträger schieben. Doch genau in jenem Moment klingelt das Handy des Zu-früh-Kommers. Helene Fischers „Atemlos“ als Klingelton, penetrant laut. Skurrile Backgroundmusik – es wäre eher „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder ähnliches passender gewesen. Aber es ist Helene Fischer. Laut.

Und anstatt sowohl uns von der Musik, als auch ihn aus der fast fühlbaren Drohkulisse zu erlösen, lässt er sein Handy nach einem Blick auf das Display weiter klingeln. Laut. „Atemlos, durch die Nacht“, schreit Helene.

„Meine Frau“, sagt er entschuldigend, mit dem Kopf in Richtung Handy weisend. Er meint nicht Helene. Er meint den Anrufer. Er will nicht mit ihr sprechen.

So stehen wir also hinter unserer halb fertig vorbereiteten Bar, eben noch zum Angriff bereit, und müssen, begleitet von Helene Fischer, die eben noch aufplusternde Luft aus unserem Brustkorb entweichen lassen. Tiiiief durchatmen.

Doch irgendwas verändert sich in der Haltung unseres ungebetenen Gastes. Sein Kopf knickt irgendwie leicht nach vorne, als ob sich eine Art Last auf seinen Nacken legt. Zögernd bewegt sich seine Hand nun doch in Richtung seines nach wie vor plärrenden Handys. Auf den letzten Zentimetern wird es zu einem raschen Schnappen, er reisst das Handy an sein Ohr. „Ich komm ja gleich!!!“ schreit er in den Hörer, um sogleich wieder aufzulegen.

„Meine Frau“, erklärt er uns etwas verlegen lächelnd, während er sich bereits in seinen Mantel zwängt.

Und so verlässt er uns wieder, der Zu-früh-Kommer. Und wir schließen rasch die Türe hinter ihm ab, noch immer perplex von diesem Theaterstück am frühen Abend. Frau Fischers Ohrwurm quält uns noch eine kurze Zeitlang im Inneren. Es braucht eine Weile, bis wir wieder im Takt der Nacht sind, unsere Vorbereitung zu vollenden, und um pünktlich um sieben die Eingangstüre unserer wundervollen Bar zu öffnen. Willkommen.

 

 

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