Bartenders Schubladendenken Part III: Die Anekdote vom Sparfuchs.

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Es ist Dienstag. Studententag. Und weil so ein Dienstag in unserer kleinen beschaulichen Stadt nicht allzu aufregend ist, nutzen wir die allgemeine wochenanfangsbedingte  Zurückhaltung in Sachen alkoholischer Genüsse, und bieten unsere Cocktails zu günstigeren Preisen feil, um eben jene Studenten an die Weihen höheren Trinkgenusses heranzuführen.

An sich ein idealer Tag dafür, denn der Student im Allgemeinen hält sich weniger an den üblichen Wochenzyklus eines gewöhnlichen Arbeitsnehmers – Von Montag bis Donnerstag deprimiert bis konzentriert, am Wochenende eskalativ engagiert. Nein, der Student ist weniger Wochenend-gebunden, sondern trinkt am liebsten dann, wenn sich eine monetär günstige Gelegenheit bietet, selbst wenn sie aus gesellschaftlicher Perspektive unorthodox erscheinen mag – dem schmalen Geldbeutel geschuldet eine verzeihbare Attitüde.

Es ist wieder so ein Dienstag, und ein Pulk von wohlgelaunten, neugierigen Studenten jüngeren Semesters drängt sich am Tresen. Die Elite unseres Landes von morgen, heute jedoch eher an eine etwas aufgeregte Hühnerschaar zur Balzzeit erinnernd. Jedoch allzeit angenehme Gäste, denn ihre Instagrambedingte Affinität zu modernern Trends hat sie groteskerweise just dazu animiert, einen der nostaglischsten Orte der ganzen Stadt aufzusuchen: Unsere ehrwürdige Havana Bar. 7615b

Retro ist Kult, Nostalgie ist in, Gentlemens sind wieder en vouge. Was eine Wohltat für uns Jünger der SpeakEasy-Ära, nach all den  Pokemon-Generationen der vergangenen Jahre, die allesamt nach poppig-farbigen Saftmischungen verlangten. Heutzutage, und das weiß auch der Barblog-erfahrene Jung-Akademiker, trinkt man wieder klassische Drinks. Qualität statt Quantität, und das Ganze am Dienstag zur günstigeren Studentenpreisen.

In Mitten der aufgeheiterten Studentenschar mogelt ER sich, auf leisen Sohlen. Mitte Vierzig und mit leicht ergrauten Schläfen, das karierte Hemd sorgfältig in die Hose gesteckt. Der letzte Friseurbesuch liegt schon etwas zu lange zurück, und seine zerbeulte Lederaktentasche sieht aus wie ein vielfach vermachtes Erbstück.

Der Sparfuchs.

Der Sparfuchs drängelt sich durch die Studentenschaar an den Tresen. Er blickt sich leicht nervös nach links und rechts um, und beugt sich mit verschwörerischer Geste nach vorne, um uns seine Eröffnungsfrage von vielen Folgenden zu stellen: Ob der Mojito auch in so einem großen Glas serviert werde, oder nur in so einem kleinen Kelch, und macht dabei mit den Fingern eine Geste, als ob er die sprichwörtliche Dimension des Gemächtes eines Sportwagenfahrers beschreiben würde. Und ob der denn heute auch günstiger wäre? Und wie denn der Drink des Gastes da drüben am Ende der Bar hieße. Nein, nicht der, sondern der daneben? Und ob der denn stärker als ein Mojito wäre? Und welches denn überhaupt der stärkste Drink auf der Karte wäre? Und in welchem Glas denn nun dieser serviert werden würde? Und das Popcorn, wäre dieses denn umsonst? Auch wenn man mehr davon haben wolle?

Wie bei uns üblich, bieten wir mit beruhigend verbindlichen Lächeln erstmal unser „Barwasser“ an. Dies ist ein kostenloses Glas kühles Leitungswasser, welches wir servieren, um mit dem folgenden Cocktail rein die Lust am Genuß und nicht den Durst zu stillen.

Nein, das hat er nicht bestellt! ruft er lauter als beabsichtigt, während wir ihm einschenken. Doch nachdem wir ihn kurz über Sinn und Preis unseres Barwassers aufklären konnten, hellt sich seine Mine schnell wieder auf, und er leert es auf einen Zug. Während er uns das leere Glas in Richtung unserer vor Staunen geweiteten Augen streckt, um gestenreich eine erneute Füllung jenes Glas zu verlangen, versuchen wir diskret, diese Forderung zu ignorieren, und fragen nun unsererseits, für welchen Drink er sich denn nun entschieden habe.

Ein Fehler, wie sich herausstellt. Denn nun startet die Frage-Staffette erneut: Welches denn unser größter Drink sei. Ob der dann auch ordentlich stark sei. Und was er denn koste? Und ob beim genannten Preis schon der Studentenrabatt eingerechnet sei?

Schweren Herzens empfehlen wir unserem geschätzten Sparfuchs einen Long Island Ice Tea. Ordentlich stark, in einem großen Glas, doch eigentlich tut uns bei dieser Empfehlung unser Klassiker-Verliebtes Herz ein bisschen weh.

Ach nein, winkt der Sparfuchs ab. Ob er denn erstmal eine Schale Popcorn haben könne, er müsse noch überlegen. Spricht es, und greift flugs in die gerade frisch servierten Popcorn-Schalen der sich neben ihm drängenden Studentenschaar. Mit der flachen Hand schiebt er sich das Popcorn in den weit geöffneten Mund, wobei ein doch recht ansehlicher Anteil sein Ziel verfehlt und munter auf dem Tresen hüpft. Kauend holt er Luft, um zu weiteren Fragen anzusetzen, als er plötzlich im Ansatz verstummt, rot anläuft, große Augen macht und unversehens schnell einige Schweißperlen auf der Stirn erscheinen. Die flache Hand noch immer auf den Mund gepresst, wendet er sich ab von uns, um sich in einem lauten, unflätigen Hustenanfall zu ergehen. Verschluckt hat er sich, der Arme. Astmathisch röchelnd, laut röhrend, japsend ringt er nach Luft, um sich gleich wieder nahezu die Lungen zu zerreissen. Das Gelächter der Studenten verstummt, besorgt beugt man sich kümmernd, wir reichen Wasser und klopfen Rücken, und sehen uns gegenseitig mit fragenden Blicken an, ob dies schon der geeignete Zeitpunkt für einen Anruf beim Notarzt sei, um Schlimmeres zu verhindern.

Doch langsam keuchend erholt er sich, Tränen des Hustens stehen in seinen Augen, dankbar nimmt er einen Schluck Wasser an. Just in diesem Moment setzt auch noch die Musik aus. Mit einem Mal ist die ganze gelockerte Stimmung an der Bar umgeschlagen in eine etwas betreten schweigende, verlegen hüstelnde Atmosphäre, die Studenten rücken unmerklich etwas ab von unserem Sparfuchs, als ob er irgendwie ansteckend wäre. Wie zu Beginn seines Auftrittes sieht sich unser Sparfuchs wieder rasch nach beiden Seiten um, und sein Kopf rutscht ein wenig zwischen die Schultern. Er ist ertappt, entlarvt, und zu seiner vom Husten noch immer gezeichneten Mine gesellt sich ein leicht gehetzter Ausdruck. Noch immer hüstelnd murmelt er Unverständliches in seine vorgehaltene Hand, greift nach seiner antik anmutenden Ledertasche, und wendet sich gebeugt unter stoßweisen Nachbeben seines Hustenanfalls zum Gehen. Mit jedem Schritt Richtung Türe wird sein Schritt schneller, bis er schließlich in den dunklen Dienstagabend verschwindet.

Die Musik setzt wieder ein, die Studenten schieben die eben noch präsente Lücke an der Bar zu, und widmen sich wieder ihren Drinks und dem jeweils anderen Geschlecht zu.

Die Nacht findet ihren Rhytmus wieder, geblieben von der kurzen Anekdote vom Sparfuchs sind nur einige Körner Popcorn auf dem Tresen, und auch diese werden flugs beiseite gewischt.

 

 

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