Bartenders Schubladendenken: Die Top skurrilsten Gäste an der Bar. Ein Ranking.

Wir lieben unseren Beruf. Unter anderem deshalb, weil wir sehr viel mit Menschen zu tun haben. Menschen jeden Standes, jeder Herkunft, jeden Alters. An der Bar sind sie für uns alle gleich: Geschätze Gäste, die Unterhaltung, Zerstreuung und einen guten Drink suchen. Ob Manager oder Student, ob Bauarbeiter oder Professor, wir machen keinen Unterschied – wir sind Gastgeber mit Leib und Seele, für jeden.

Die Nacht spült einem allerdings gelegentlich Menschen an den Tresen, die wir auf ewig im Gedächntins behalten. Denn nicht alle Menschen, die abendliche Zerstreuung suchen, sind nett, höflich, umgänglich, amüsant. Manche sind grob, manche depressiv, mache aggressiv oder einfach stumpf. Manche sind exaltiert und extravagant, manche arrogant und selbsverliebt. Manche baggern uns an, andere beschimpfen uns. Manche bewundern uns, manche machen uns unmoralische Angebote. Manche werfen mit Geld um sich, andere prellen die Zeche.

Natürlich sind das die Ausnahmen – doch genau diese Gäste sind es, aus denen die Geschichten der Gastronomie gestrickt werden, über die man nach getaner Arbeit mit seinen Kollegen spricht, lacht oder ungläubig den Kopf schüttelt.

Für Euch haben wir unser persönliches Ranking der skurrilsten Gäste aus dem letzten Jahrzehnt in unserer Bar zusammengestellt. Achtung, festhalten. Alles wahre Begebenheiten.

 

1. Mrs. S und Mr. M

Es beginnt alles ganz normal: Ein Päärchen mittleren Alters mit Vorliebe für exquisite Drinks kommt innerhalb eines kurzen Zeitraumes immer öfters an die Bar, und verlangt stets, in unserer Bar-Nische zu sitzen, den schönsten Plätzen am Tresen. Menschen mit gutem Geschmack und einer gewissen Freude an experimentellen Drinks – wunderbare Gäste für uns Bartender.

Nach einigen Drinks beginnt regelmäßig eine zunächst zaghafte, dann immer wilder werdende Knutscherei direkt vor unseren Augen, sozusagen in Hörweite. Wir ignorieren gekonnt und diskret, und verkneifen uns jeden Kommentar, bis das Päärchen irgendwann hastig zahlt, um sich woanders gegenseitig weitergehend zu erfreuen. Dieses Spiel wiederholt sich bei jedem ihrer häufigen Besuche, und wir sind nicht weiter beunruhigt darüber, allenfalls leicht amüsiert.

Doch eines Abends entschließt sich unser Päärchen, nach ihrem „Vorspiel“ eben nicht die Location zu wechseln, sondern sich bei uns am Tresen körperliche Freuden zu bereiten. Und dies nicht ganz auf herkömmliche Art und Weise – denn unsere Mrs. S und Mr. M haben offenbar Spaß daran, sich gegenseitig Schmerzen zuzufügen. Und so wird bei uns am Tresen munter gebissen, gewürgt und und gekniffen. Als nun unser Mr. M schwitzend in Fahrt kommt und sich entblättert, und ein nietenbesetztes ledernes Hundegeschirr zum Vorschein kommt, welches sich in seinen etwas beleibten, bleichen Wanst einschneidet, wird es uns schließlich doch zu bunt. Ein Anblick aus unseren Alpträumen.

Nun die passenden Worte zu finden ist schwer, nicht laut loszulachen fast unmöglich. Irgendwie haben wir es geschafft, Mrs. S und Mr. M nach draussen zu bitten – doch wiedergesehen haben wir sie nach diesem denkwürdigen Auftritt nie wieder. Das Bild in unsern Köpfen ist tief eingebrannt und verfolgt uns bis heute…

 

2. Der Scheich und die Fußnägel

Es betritt ein einzelner Gast die Bar, gekleidet nach allen arabischen Klischees: Weißes Gewand, offene Sandalen, arabisches Tuch um den Kopf gewickelt. In gebrochenem englisch bedeutet er uns, nachdem er an der Bar Platz genommen hat, dass er nur die besten Drinks mit den besten Zutaten des Hauses wünsche, und legt zur Unterstreichung seines Ansinnens eine 100-Dollar-Note als Trinkgeld vorab auf den Tresen. Soweit so gut, motiviert machen uns ans Werk und kredenzen High-End Drinks erster Güte.

Nach 3 Drinks entfaltet unser geschätzter Wüstensohn ein ledernes Etui, und entnimmt selbigem einen silbernen Nagelknipser. „Made in Germany“ erklärt er uns stolz, und beginnt – zu unserem größten Erstaunen – mit ausgiebiger Fußpflege seines auf den Barhocker nebenan platzierten nackten Fußes. Und so fliegen uns munter die abgeknipsten Fußnägel um die Ohren und wir sind dermaßen sprachlos, dass wir einige Zeit brauchen, um ihm mit Händen und Füßen erklären, dass solcherlei Tätigkeiten in einer Bar in unseren Gefilden eher unüblich sind. Hieraufhin erzürnt unser Scheich, beschimpft uns wüst in allerlei arabischen Dialekten, und zieht von dannen. Das anfängliche Trinkgeld muss nun also zum Bezahlen der Rechnung herhalten, und wir sind um eine äusserst erstaunliche Erfahrung reicher.

 

3. Die Lady und der Papagei

Eine wahre Legende unter unseren Gästen. Eine charmante Lady mittleren Alters, die als ständigen Begleiter einen sprechenden Papagei auf der Schulter mit sich führt. Meist kommt sie alleine, und geht zu zweit, denn sie sucht den Kontakt zu alleinstehenden älteren Herren, die natürlich auch bei uns an der Bar gelegentlich anzutreffen sind. Im Laufe der Zeit kristallisieren sich zwei Favoriten unter den Herren heraus, mit denen sie offenbar zwei Affairen parallel führt: Abwechslend trifft sie sich mit einem österreichischen Lebemann und einem pensioniertem Piloten, beide nicht unattraktiv und solvent.

Eines Abends kommt es zum zufälligen Showdown: Rechts der Österreicher, in der Mittte die Lady mit dem Papagei, links der Pilot. Ein verbaler Schlagabtausch unter den Herren, ein unterschwelliges Kreuzen der Degen. Der Lady wird es unangenehm, sie verschwindet auf die Toilette und kommt nicht wieder. So bleiben der Österreicher und der Pilot alleine sitzen – und nach anfänglicher Aversion und Rüpeleien entdecken beide ihre gemeinsamen Vorlieben – nicht nur in der Damenwelt, sondern auch in der Welt der Drinks. Eine Verbrüderung wie im Film dürfen wir miterleben, einen langen durchzechten Abend, an dessen Ende sich beide lachend in den Armen liegen. Seit diesem Abend haben wir sowohl die Lady als auch den Papagei nie wieder gesehen, aber zwei neue Stammgäste fürs Leben gewonnen, die uns bis heute treu sind.

 

— to be continued —

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